Diana Furchtgott-Roth ist Ökonomin bei der Heritage Foundation. Im Interview sagt sie, warum sie Zolldrohungen für legitim hält und weshalb sie glaubt, dass Europa wirtschaftlich schwere Zeiten bevorstehen.
NZZ, Lorenz Honegger, 22.01.2026

Reagan, Bush senior, Bush junior, Trump. Diana Furchtgott-Roth hat für alle republikanischen Präsidenten der jüngeren amerikanischen Geschichte gearbeitet. Die 67-Jährige ist Mitautorin von «Project 2025», einem 900 Seiten langen Strategiepapier der Heritage Foundation, das als ideologisches Fundament der zweiten Trump-Administration gilt. Politisch steht die Ökonomin dem Weissen Haus nahe, betont aber ihre Unabhängigkeit von der Regierung.
Frau Furchtgott-Roth, Donald Trump hat am Mittwoch in Davos mit seiner Rede viel Irritation ausgelöst. Er hat seine wirtschaftliche Bilanz verteidigt, neue Zölle angedroht und den amerikanischen Anspruch auf Grönland bekräftigt, bevor er wieder davon abrückte. Sie arbeiten für eine Denkfabrik mit engen Verbindungen zum republikanischen Machtzentrum. Wie haben Sie Trumps Auftritt am WEF erlebt?
Zunächst möchte ich sagen: Die Heritage Foundation wird nicht vom Weissen Haus kontrolliert. Das Weisse Haus übernimmt manchmal unsere Ratschläge und manchmal nicht. Es sind also getrennte Institutionen. Ich bin allerdings Mitautorin von «Project 2025» und habe ein Kapitel verfasst.
Wie beurteilen Sie also seine Rede in Davos?
Entscheidend ist: Präsident Trump hat sich am Abend nach seiner Rede mit der Nato geeinigt und seine Zolldrohung gegen mehrere europäische Länder aufgehoben. Er will nicht in Grönland einmarschieren, und er will Grönland auch nicht kaufen.
Sondern?
Seine wichtigste Botschaft war, dass er sich Sorgen über den wachsenden chinesischen und russischen Einfluss in Grönland mache. Und dass Grönland mehr Schutz brauche. Danach drohte er mit Zöllen und stellte kurz darauf einen Kompromiss in Aussicht. Das ist sein Modus Operandi: erst die Zolldrohung, dann das Entgegenkommen der Gegenseite, am Ende der Rückzug. So lief es vor einigen Monaten auch mit der kanadischen Digitalsteuer. Kanada wollte sie einführen, Trump drohte mit Zöllen, wenige Tage später war die kanadische Steuer vom Tisch.
Sie halten also den Einsatz von Zöllen, und sei es als Druckmittel, für sinnvoll?
Ich sage nicht, dass ich den Einsatz von Zöllen befürworte. Was ich befürworte, sind Zolldrohungen als Verhandlungsinstrument. Eine Ausnahme ist China, wo der tatsächliche Einsatz von Zöllen aufgrund ungleicher Wettbewerbsbedingungen gerechtfertigt ist.
Viele Beobachter halten die ständigen Zolldrohungen der Wirtschaftsmacht USA nicht für ein harmloses Verhandlungsinstrument. Sie sehen darin das Ende der Globalisierung und des vom World Economic Forum propagierten Freihandels.
Ach, das ist doch ein Witz.
Warum?
Das World Economic Forum propagiert nicht Freihandel. Schauen Sie sich all die nichttarifären Handelshemmnisse für amerikanische Produkte an, zum Beispiel amerikanische Autos. Dann gibt es die Corporate Sustainability Due Diligence Directive. Das ist ein EU-Gesetz, das vorschreibt, dass Unternehmen mit mehr als 500 Millionen Dollar Umsatz ihre Geschäftstätigkeit auf Netto-Null ausrichten und ihre Emissionen offenlegen müssen – ebenso die Emissionen ihrer Auftragnehmer und jene der Auftragnehmer ihrer Auftragnehmer. Ein anderes Beispiel: Chinesische Unternehmen dürfen ihre Aktien an der Börse in den USA kotieren lassen. Amerikanische Unternehmen haben dieses Recht in China nicht. Chinesische Unternehmen können hundert Prozent eines amerikanischen Unternehmens kaufen. Unternehmen aus den USA dürfen das nicht. Das ist kein Freihandel. Präsident Trump versucht, einige dieser Missstände zu beheben.
Ihr Vorwurf an Amerikas Handelspartner lautet also Doppelzüngigkeit?
Genau. Dazu gehört auch Grossbritannien, das kein amerikanisches Hühnerfleisch importiert, weil es angeblich mit Chlor behandelt ist. Interessant ist auch die Ausrichtung der «Aussenpolitischen Strategie 2024–2027» der Schweiz, die sich stärker an Europa orientiert und den Kampf gegen den Klimawandel in den Vordergrund stellt, statt wie zuvor eine neutralere Position einzunehmen. Daran stört sich der Präsident eher als am Handelsbilanzdefizit.
Das ist eine ziemlich ungewöhnliche Perspektive auf diese Debatte.
Ich kann mir gut vorstellen, wie die Berater des Präsidenten ihn in dieser Angelegenheit informieren und wie er darauf reagiert: Wenn die Schweiz in ihrer aussenpolitischen Strategie die Treibhausgasemissionen senken und gleichzeitig ihre Energiesicherheit erhöhen will, erkennt Präsident Trump darin vor allem eine grössere Offenheit für chinesische Elektrofahrzeuge und für chinesische Batterien und andere erneuerbare Technologien.
Und das gilt dann als adverse Politik in den Augen des Weissen Hauses?
Korrekt, weil diese Art der Politik China unterstützt. Ausserdem glaubt der Präsident, wie er in Davos gesagt hat, dass der Einsatz erneuerbarer Energien den Strom verteuert und die Länder wirtschaftlich schwächt. Dieselben Staaten gelangen an den Präsidenten und bitten ihn um Unterstützung im Ukraine-Krieg. Er fragt sich dann: Warum kommen sie zu mir, wenn sie mit ihren Netto-Null-Zielen ihre eigenen Volkswirtschaften schwächen und damit China stärken?
Sie finden also, Europa sollte vollständig aus den erneuerbaren Energien aussteigen?
Europa sollte die Subventionierung von erneuerbaren Energien einstellen. In den vergangenen zwanzig Jahren hat die Welt 9 Billionen Dollar für die Subventionierung von Wind- und Solarenergie ausgegeben, und trotzdem können diese Technologien ohne Subventionen nicht eigenständig bestehen. Der Markt soll entscheiden.
Wie soll Europa seine Energieversorgung künftig sicherstellen?
Nun, das ist in jedem Land unterschiedlich, weil jedes Land über andere Ressourcen verfügt. Aber klar ist: Das, was Europa derzeit tut, funktioniert nicht. Wie man sieht, liegt das Wirtschaftswachstum seit der Corona-Pandemie praktisch bei null, vielleicht bei etwa einem Prozent pro Jahr. Das ist ausserordentlich niedrig. Der Einkommensabstand pro Kopf zwischen den USA und Europa vergrössert sich, statt kleiner zu werden. Europa muss also sehr genau prüfen, was es tut – auch in der Energiepolitik, die meiner Ansicht nach zur Deindustrialisierung Europas beiträgt. Energieintensive Industrie verlagert sich mehr und mehr nach China, wo die Emissionen sogar höher sind, als sie es in Europa wären.
Dass die USA selbst ihre industrielle Basis zurück ins eigene Land holen, ist doch genauso unrealistisch.
Nun, die Hightech-Industrie wächst in den Vereinigten Staaten stark. Sie ist nie wirklich verschwunden. Das Wirtschaftswachstum im dritten Quartal 2025 lag laut den neuesten verfügbaren Daten bei 4,3 Prozent. Amerika wächst also kräftig. Wir haben eine Arbeitslosenquote von nur 4,4 Prozent. Viele europäische Länder würden sich diese Zahlen wünschen. Und wir haben eine Inflation von unter 3 Prozent.
Und das liegt nicht nur an den gewaltigen Investitionen im KI-Sektor?
Nein, wenn man sich die Hightech-Industrie anschaut – Medizintechnik, andere kapitalintensive Anlagen –, dann sieht man dort viele Exporte und starkes Wachstum. Auch im Automobilsektor gibt es viel Wachstum.
In ihrem Verhältnis zur Wirtschaft verfolgt die Trump-Regierung einen ungewöhnlich interventionistischen Kurs. Sie drängt Ölkonzerne zu Investitionen in Venezuela, sie fordert eine Obergrenze für Kreditkartenzinsen, und der Staat steigt bei Intel ein. Finden Sie das richtig?
Ich glaube nicht, dass es ideal ist, wenn eine Regierung in private Unternehmen investiert, ausser es gibt einen klaren Grund in der nationalen Sicherheit. Wenn ein Unternehmen schlecht wirtschaftet und staatliches Geld darin steckt, dann verliert der Staat Geld. Wenn ein Unternehmen schlecht wirtschaftet und kein Steuergeld darin steckt, dann verlieren nur die Aktionäre ihr Geld.
Apropos staatliche Eingriffe: Ebenfalls am Mittwoch gab es eine Anhörung vor dem Supreme Court zu der von Donald Trump angestrebten Entlassung von Lisa Cook, einem Mitglied des Fed-Direktoriums. Die Richter schienen den Argumenten der Regierung gegenüber recht kritisch zu sein. Was ist Ihre Haltung?
Das ist eine rechtliche Frage, zu deren juristischen Aspekten ich mich nicht äussern kann. Was ich sagen kann: Niemand steht über dem Gesetz, auch nicht ein Mitglied des Federal Reserve Board. Wenn diese Gouverneurin behauptet hat, einer ihrer Wohnsitze sei ihr Hauptwohnsitz, obwohl er es nicht war, um einen günstigeren Hypothekarzins zu erhalten, dann ist das problematisch. Wenn normale Amerikaner so etwas täten, hätten sie ernsthafte Probleme. Es sollte also niemand über dem Gesetz stehen. Und wenn sie das tatsächlich getan hat – und meines Wissens hat sie das nicht bestritten –, dann bin ich mir nicht sicher, ob sie geeignet ist, Gouverneurin des Federal Reserve Board zu sein, das ja die Banken beaufsichtigt. Aber das ist eine rechtliche Angelegenheit, und ich bin sicher, dass sie vor Gericht geklärt wird.
Die Trump-Regierung ist der Führung des Fed gegenüber generell kritisch eingestellt und ist der Meinung, diese müsse die Leitzinsen viel stärker senken. Teilen Sie diese Haltung?
Ich finde es sehr verdächtig, dass der Fed-Präsident Jerome Powell kurz vor der Wahl zwischen Kamala Harris und Präsident Trump 2024 beschlossen hat, die Zinsen deutlich zu senken, um die Wirtschaft anzukurbeln und das Land besser dastehen zu lassen. Das legt nahe, dass sein Urteil nicht immer rein wirtschaftlich ist, sondern manchmal auch politisch.
Das würden viele Fed-Kenner bestreiten.
Er hat die Zinsen damals um 50 Basispunkte gesenkt – also um einen halben Prozentpunkt – direkt vor der Wahl. Das stellt seine Unabhängigkeit und seine politische Neutralität durchaus infrage.
Sie sind seit langem in der Politik tätig, arbeiteten für Ronald Reagan, George H. W. Bush, George W. Bush und Donald Trump in seiner ersten Amtszeit. Wie unterscheidet sich Trumps Wirtschaftspolitik von jener seiner republikanischen Vorgänger?
Trump ist in Sachen Steuersenkungen weitergegangen als alle seine Vorgänger. In seiner ersten Amtszeit senkte er die Einkommenssteuern. Diese Senkungen hat er nun gesichert und ausgeweitet. Unternehmen können Investitionen sofort abschreiben, Überstunden und Trinkgelder bleiben steuerfrei, und die Erbschaftssteuer zwingt Firmen beim Tod des Eigentümers nicht mehr zur Zerschlagung. Auch beim Abbau von Regulierung ist Trump weitergegangen als seine Vorgänger. Das lag nicht zuletzt daran, dass die Regulierung unter Präsident Biden stark zugenommen hatte – und Trump nun viel zurückdrehen konnte.
Wo sehen Sie die amerikanische und die Weltwirtschaft am Ende von Donald Trumps zweiter Amtszeit?
Ich erwarte eine deutlich stärkere amerikanische Wirtschaft dank Steuersenkungen und Deregulierung. Für Europa sind das schlechte Nachrichten. Wenn Trump die Netto-Null-Politik beendet und die Strompreise senkt, entsteht ein Sog: Unternehmen wandern aus Europa in die USA ab. Europa deindustrialisiert sich, auch wegen der Arbeitsmarktregulierung. Es ist nahezu unmöglich, in Europa einen Arbeitnehmer zu entlassen. In der Folge sind die Erwerbsquote und die Beschäftigung niedriger. Die Industrieproduktion wandert in die USA, nach China, nach Indien ab. Das ist eine sehr gefährliche Situation für Europa.
Diana Furchtgott-Roth wurde 1958 in England geboren und kam als Kind mit ihren Eltern in die USA. Heute ist sie Direktorin des Zentrums für Energie, Klima und Umwelt bei der konservativen Heritage Foundation. Die Ökonomin war unter vier US-Präsidenten – von Ronald Reagan bis Donald Trump – in führenden Funktionen im Weissen Haus und in Bundesbehörden tätig. Sie gilt als einflussreiche Stimme und als Kritikerin grüner Industriepolitik. Sie lehrt als Dozentin an der George Washington University und studierte Wirtschaftswissenschaften in den USA und in Oxford. Sie ist verheiratet und Mutter von sechs Kindern. (lho.)
