Der Westen führt einen stillen Krieg gegen den Markt. Damit gefährdet er die Basis des eigenen Wohlstands

Die Regierungen in den Industrieländern greifen immer stärker in das freie Spiel von Angebot und Nachfrage ein und manipulieren die Preise. Damit bedienen sie eine wachsende Marktskepsis in der Bevölkerung.

NZZ, Malte Fischer, 17.04.2026

Es ist ein leiser, heimlicher, unerklärter Krieg, den die Regierungen des Westens führen. Ein Krieg, in dem keine Bomben fallen. Und dennoch ist es ein Krieg, der grosse Schäden verursacht. Denn er richtet sich gegen die Marktwirtschaft, das Fundament des westlichen Wohlstands. Im Zentrum der staatlichen Attacken steht der Preismechanismus, der zentrale Stützpfeiler der Marktwirtschaft. Ohne ihn gibt es keinen Ausgleich von Angebot und Nachfrage, sondern wirtschaftliches Chaos.

Man muss nicht lange suchen, um die Schlachtfelder zu orten, auf denen die Regierungen angreifen. In Europas Hauptstädten ersinnen die Politiker seit Ausbruch des Iran-Kriegs nahezu täglich neue Mittel und Wege, um die Preise an den Tankstellen künstlich zu drücken. Der autofahrende Wähler, der die hohen Preise in der Haushaltskasse spürt, soll gegen die Volten des Marktes abgeschirmt werden.

In den USA treibt die Regierung die Preise für Einfuhren durch Zölle in die Höhe, um die eigene Industrie zu schützen. In Spanien, Frankreich, Portugal und Schottland verhängen die Regierungen Mietpreisdeckel, um die Wohnkosten der Bürger zu begrenzen. Und in Deutschland setzt die Regierung Höchstpreise für Medikamente und legt die Preise für die Einspeisung von Ökostrom ins Stromnetz fest. Und das nicht erst seit gestern.

Sozialisierung in der Stammesgesellschaft

Die inflationären Eingriffe der Regierungen in die Preisbildung finden in der Öffentlichkeit meist Beifall, gilt das ungehemmte Spiel der Marktkräfte mit seinem kompromisslosen Streben nach Rendite und Gewinn vielen Bürgern doch als frivol, wenn nicht gar gefährlich. Märkte werden daher häufig nicht als Wohlstandsgeneratoren, sondern als Plattformen wahrgenommen, auf denen sich ein ungebändigter Raubtierkapitalismus austobt.

Das Misstrauen gegenüber der Marktwirtschaft wurzelt tief in der menschlichen Evolution. Menschen sind in der Stammesgesellschaft sozialisiert, der Familie, der Sippe, der Dorfgemeinschaft. Dort gelten andere Regeln als in der anonymen Grossgesellschaft. Nicht Gewinnstreben, sondern Solidarität, nicht Egoismus, sondern Altruismus, nicht Privateigentum, sondern Gemeinschaftsgüter, nicht formale Vertragsbeziehungen, sondern das nachbarschaftliche «do ut des», das gegenseitige Geben und Nehmen, regelt das Leben.

Daher fällt es den Menschen schwer, sich den Regeln des Marktes zu fügen und dessen emotionsfreie Bepreisung von Gütern und Arbeitskraft zu akzeptieren.

Marktversagen als Alibi für staatliche Eingriffe

Linken, marktfeindlichen Kräften fällt es leicht, auf diesem gesellschaftlichen Resonanzboden ihre Angriffe auf die Marktwirtschaft zum Schwingen zu bringen. Mit ihrer antikapitalistischen Propaganda bedienen und verstärken sie die tiefliegenden Vorbehalte in grossen Teilen der Bevölkerung gegen Marktwirtschaft und Preise. So ist es ihnen gelungen, bis tief in die Academia hinein die Unvollkommenheit von Märkten als vermeintliches «Marktversagen» zu brandmarken.

Dem Staat haben sie dadurch ein Alibi für Eingriffe aller Art verschafft. Welcher Politiker, der auf Wählerstimmen schielt, empfiehlt sich nicht gern als Schutzpatron der Bürger, der sie vor den Zumutungen des Marktes schützt, «Marktversagen» korrigiert, Preise reguliert, Zölle erhöht und Konzerne rechtlich an die Kette legt?

Dabei schadet dem Wohlstand nichts so sehr wie das Aushebeln des marktwirtschaftlichen Preismechanismus. Denn dieser sorgt dafür, dass die Menschen mit den Gütern versorgt werden, die sie begehren. Walter Eucken, der Vordenker des Ordoliberalismus, sah die Hauptaufgabe der Wirtschaftspolitik denn auch darin, «den Preismechanismus funktionsfähig zu machen». «Jede Wirtschaftspolitik scheitert, der dies nicht gelingt», sagte er.

Die Wertschätzung der Kunden bestimmt die Preise

Es war der österreichische Ökonom Carl Menger, der im 19. Jahrhundert erkannte, dass der Preis «nicht etwa eine willkürliche Grösse» ist, sondern «das Ergebnis der ökonomischen Situation der Tauschenden, namentlich aber ihrer Wertschätzung für die betreffenden Güter». Nicht Willkür oder Kosten entscheiden gemäss Menger über die Höhe der Preise, sondern die vom persönlichen Nutzen und von der Wertschätzung getriebene Nachfrage der Konsumenten.

Nach dieser Sicht sind die Spritpreise und die Mieten hoch, weil die Menschen Mobilität und Wohnraum eine hohe Wertschätzung entgegenbringen. Erst die hohe Zahlungsbereitschaft der Nachfrager erlaubt es den Mineralölkonzernen und Vermietern, hohe Preise durchzusetzen.

Staatliche Preis- und Mietbremsen sind kontraproduktiv und gefährlich. Denn sie kurbeln die Nachfrage an und mindern die Anreize, das Angebot auszuweiten. Knappe Güter werden dadurch noch knapper. Was der Staat wiederum gern zum Anlass nimmt, sich als Problemlöser ins Spiel zu bringen. So wie jüngst der deutsche Finanzminister Lars Klingbeil. Um die Wohnungsnot zu lindern, müsse der Staat selbst Wohnungen bauen, forderte Klingbeil. Setzt er sich damit durch, wäre der Weg in die Verstaatlichung des Wohnungsbaus vorgezeichnet.

Preise sind Botschafter der Knappheit

Staatliche Preisbremsen bremsen nicht die Knappheiten, sondern den Fortschritt. Warum sollten Mineralölkonzerne in neue Bohrtechniken investieren, wenn der Staat ihre Gewinne beschneidet? Warum sollten Investoren moderne Neubauten hochziehen, wenn sie befürchten müssen, dass diese in wenigen Jahren von der Regierung zu Altbauten deklariert und der Mietpreisbremse unterworfen werden?

Preise sind Botschafter der Knappheit. Sie bilden sich durch das Zusammenspiel von Angebot und Nachfrage auf den Märkten. Damit sind sie ein «Mechanismus zur Kommunikation von Informationen, eine Art Maschine zur Registrierung von Veränderungen», wie der Wirtschaftsnobelpreisträger Friedrich August von Hayek in seinem berühmten Essay über die Verwendung des Wissens in der Gesellschaft erkannte.

Preise verdichten Informationen über veränderte Knappheitsverhältnisse in einer einzigen Grösse. Das Wissen ist dadurch nicht mehr das Privileg von wenigen, sondern steht der Masse der Marktteilnehmer zur Verfügung. Marktpreise demokratisieren den Zugang zu Informationen. Sie sind dadurch die Grundlage für Handel, Arbeitsteilung und Wohlstand. Wäre der Preismechanismus kein Zufallsprodukt der Evolution, sondern das Ergebnis menschlicher Gestaltung, wäre er «zu einem der grössten Triumphe des menschlichen Geistes erklärt worden», wie Hayek meinte.

Hohe Preise sind das beste Mittel gegen hohe Preise

Die Entwicklungen in den siebziger Jahren bestätigen Hayeks Feststellung. Der rasante Anstieg der Ölpreise während der beiden Ölkrisen sorgte damals dafür, dass die Menschen neue Dämmmaterialien für ihre Häuser entwickelten, alte Öl- durch neue Gasheizungen ersetzten, sparsamere Motoren konstruierten und rohstoffsparende Recyclingverfahren ersannen. Heute ist der Energieverbrauch je Einheit des Bruttoinlandprodukts nur noch halb so hoch wie in den siebziger Jahren.

Knappheiten und hohe Preise stacheln den Erfindergeist an und wirken so als Motor für den Fortschritt. Dieser lässt die Preise sinken. Kurzum: Hohe Preise sind das beste Mittel gegen hohe Preise. Unterbindet der Staat diesen Mechanismus, etwa um den Wählern kurzfristige Erleichterung zu verschaffen, richtet er mehr Schaden an, als er Nutzen stiftet.

Daran ändern auch die sozialen Probleme nichts, die auftreten, wenn die Preise plötzlich kräftig steigen. Klar, nicht jeder kann sich die hohen Spritpreise leisten, nicht jeder die hohen Mieten in den Grossstädten zahlen. Doch dieses Problem lässt sich am besten durch direkte Einkommenstransfers an die betroffenen Personen lösen. So kommt das Geld den tatsächlich Bedürftigen zugute, das Preisgefüge bleibt erhalten. Sozialpolitik muss ausserhalb des Marktes stattfinden, wenn die Marktwirtschaft keinen Schaden nehmen soll.

Staatliche Anmassung von Wissen

Auch in der Industrie- und Energiepolitik feiert der Interventionismus seit Jahren fröhliche Urständ. Mit Preisvergünstigungen durch Kaufprämien und Zuschüsse versuchen die Regierungen, E-Autos und Wärmepumpen in den Markt zu drücken, mit Anti-Dumping-Zöllen wollen sie chinesische Produkte vom europäischen Markt fernhalten, und mit CO2-Steuern versuchen sie, den Verbrauch fossiler Energieträger zu drosseln.

Preise werden dadurch zu einem Instrument der Politiker, mit dem sie das Verhalten der Menschen in staatlich vorgedachte Bahnen lenken. Doch woher will der Staat wissen, welche Technologie zukunftsfähig ist? Woher will er wissen, wie hoch die Klimaschäden sind, um sie passgenau zu bepreisen, wo doch selbst die Wissenschaft uneinig in dieser Frage ist?

Je mehr der Staat in die Preisbildung der Märkte eingreift, desto grösser werden die Fehlsteuerungen. Und desto monströser wird die Bürokratie, die erforderlich ist, um die Eingriffe und Regulierungen zu kontrollieren. In Deutschland muss jetzt das Bundeskartellamt darauf achten, dass die Tankstellen ihre Preise nur um 12 Uhr mittags anheben. Mehr Bevormundung und Planwirtschaft geht nicht.

Verforme der Staat die Preise, löse er eine Interventionsspirale aus, mahnte der österreichische Ökonom Ludwig von Mises. Jede staatliche Intervention erzeugt neue Verwerfungen, die dem Staat dann als Legitimation für weitere Eingriffe dienen. Am Ende bleibt von Markt und Wohlstand nicht mehr viel übrig. Höchste Zeit, den Krieg gegen die Marktwirtschaft zu beenden.