Vor allem in der radikalen Linken ist der Diktator wieder populär. Es ist der jüngste Ausdruck eines Massenmörderkults, dem auch Bürgerliche erlagen.
NZZ, Lucien Scherrer, 14.09.2026

Um zehn Uhr morgens stimmt das Orchester die Nationalhymne an, Beifall bricht los: Mao Zedong, begleitet von Getreuen, Ministern und Marschällen, erscheint auf der Tribüne am Tiananmen-Platz. Jubel im Volk, das unter dem grossen Führer vorbeidefiliert, mit Blumen und Bildern von Marx, Lenin, Stalin und Mao. «Hoch der erste Fünfjahresplan!», rufen sie, «es lebe der Frieden!»
Es ist der 1. Oktober 1955, in Peking wird die kommunistische Revolution gefeiert. Simone de Beauvoir, damals 47, ist mit ihrem Gefährten Jean-Paul Sartre live dabei. Und, wie sie später in ihrem Bericht «China – das weitgesteckte Ziel» schreibt, tief beeindruckt. Sie spürt «ganz deutlich» die Zuneigung, welche die Menschen Mao entgegenbringen, da ist nichts von «Kollektivhysterie» oder «Führermystik».
Überhaupt ist ihr die ganze kommunistische Führungsriege sympathisch, keiner spielt sich auf, alle sind «angezogen wie jedermann», ihre Gesichter sind «ganz einfach und vollkommen menschlich». Zum ersten Mal, so hält de Beauvoir fest, «sehe ich Leute in Amt und Würden, die sich durch keinerlei Distanz von der übrigen Welt absondern». Bedächtig und «behutsam» hätten Mao und seine Getreuen die Bauern davon überzeugt, in Volkskommunen zu leben, Mao sei dazu extra durchs Land gereist.
Grösste Hungerkatastrophe in der Geschichte
Tatsächlich haben die Kommunisten vor de Beauvoirs und Sartres Besuch eine Landreform durchgesetzt. Allerdings nicht behutsam, denn es kommen eine Million, vielleicht auch fünf Millionen Menschen zu Tode. Landbesitzer und ihre Familien werden öffentlich gedemütigt, gefoltert und ermordet.
1958, ein Jahr nachdem de Beauvoirs Bericht erschienen ist, kündigt Mao den «Grossen Sprung nach vorn» an. Bauern sollen Stahl produzieren, Spatzen zum Wohl der Landwirtschaft ausgerottet werden, damit sie kein Getreidekörner mehr fressen. Das Experiment endet in der wohl grössten Hungerkatastrophe der Geschichte. Bis zu 45 Millionen Chinesen verhungern, viele sterben durch Gewalt und staatlichen Terror. Verzweifelte Eltern setzen ihre Kinder aus, auf Schwarzmärkten wird mit Menschenfleisch gehandelt.
Simone de Beauvoir und Jean-Paul Sartre gehören in den 1950er und 1960er Jahren zu den einflussreichsten Intellektuellen der westlichen Welt. Mao ist nicht ihr erster Irrtum (Sartre behauptet 1954 nach einer Reise in die Sowjetunion, es gebe dort eine «totale» Freiheit zur Kritik), und es ist nicht ihr letzter. Sie sind auch nicht die Einzigen, die dem Charme eines Diktators erliegen, dessen Regime gemäss Schätzungen von Historikern bis zu 80 Millionen Tote fordert.
Mao inspiriert mit seiner Rhetorik der Revolution und der Volksbefreiung Millionen, langhaarige Studenten in Westberlin genauso wie Bauern in der «Dritten Welt» und Terroristen in Peru. Der simbabwische Langzeitdiktator Robert Mugabe beruft sich später genauso auf ihn wie die RAF-Terroristin Gudrun Ensslin und der kambodschanische Gewaltherrscher Pol Pot.

Hasan Piker lobt den «grossen Führer»
Wer glaubt, der Zauber sei verflogen, irrt. Vielmehr scheint Mao Zedong auch 50 Jahre nach seinem Tod am 9. September 1976 so beliebt zu sein wie schon lange nicht mehr.
Nicht nur in China, wo die Kommunistische Partei von Xi Jinping Theaterstücke wie «China hat einen Mao Zedong hervorgebracht» aufführen lässt. Auch jüngere Aktivisten in wohlstandsgesättigten Demokratien entdecken den chinesischen Revolutionsführer neu. Die Begeisterung geht über das linksautonome Sektierermilieu hinaus, das Mao in Aufrufen und 1.-Mai-Parolen unbeirrt als grossen Denker zitiert.
Wie der Bayerische Rundfunk der ARD kürzlich berichtete, fühlen sich Teile der Linksjugend – die zur Partei Die Linke gehört – nicht nur der DDR verbunden, sondern auch Stalin und Mao. Während Stalin «Kapitalisten bestraft» habe, so erklärten sie dem Sender, könne man von Mao viel über die «Organisierung der Klasse» lernen.
Prominentestes Beispiel für die neue Mao-Begeisterung ist der amerikanische Influencer Hasan Piker, eine Art linke Version von Tucker Carlson und Nick Fuentes. Seine Reichweite von 10 Millionen Followern in den sozialen Netzwerken nutzt Piker, um Linkspopulisten wie Bernie Sanders, Alexandria Ocasio-Cortez und Zohran Mamdani zu promoten. Bei einer Veranstaltung der Democratic Socialists of America trat er kürzlich in Mao-Kluft auf und zog über «Reaktionäre» und «Verräter» in den eigenen Reihen her.
In anderen Videos ist er in China zu sehen, wie er von Fans strahlend das «Kleine Rote Buch» von Mao in Empfang nimmt. Oder wie er dem Publikum erklärt, weshalb er nie über Mao lachen würde. Der sei nämlich «einer der grossen Führer der Welt» gewesen. Ein Mann, der «das gesamte Universum, den ganzen Planeten verändert» habe. «Ich meine, es gab viele fucking Exzesse, seien wir ehrlich, aber die Volksrepublik China würde nicht existieren ohne Mao Zedong.»
Studenten begeistern sich für die blutige Kulturrevolution
In Maos China hätte Piker als Absolvent von exklusiven Privatschulen und Sohn eines Vizedirektors in der Finanzbranche wohl Glück gehabt, wenn er nur mit einer Tafel um den Hals durch die Strassen gejagt worden wäre. Denn viele bourgeoise «Volksfeinde» wurden einfach totgeschlagen.
Wie kommen vermeintlich intelligente Menschen dazu, eine Diktatur derart zu verklären? Und Millionen Tote als bedauerliche Opfer von «Exzessen» abzutun, mit denen der «grosse Führer» scheinbar nichts zu tun hatte? Die Frage ist in Maos Fall besonders interessant, weil die unkritische, verklärte Sicht auf ihn alles überdauert hat. Der Fall der Berliner Mauer konnte ihm genauso wenig anhaben wie das Tiananmen-Massaker und alle wissenschaftlichen Erkenntnisse über das Ausmass seiner Verbrechen.
Wer Mao öffentlich verteidigt, riskiert bis heute weder soziale Ächtung noch Boykottaufrufe, wie Hasan Piker zeigt, der von der «New York Times» und anderen Medien hofiert wird wie ein Star. Mao scheint derart salonfähig zu sein – im wahrsten Sinn des Wortes –, dass ein biederes Schweizer Möbelhaus vor einigen Jahren nichts darin sah, seinen Kunden eine mit Samt überzogene rote Büste des Diktators feilzubieten. Niemand empörte sich.
Im Gegensatz zu Adolf Hitler und Josef Stalin hatte Mao schon immer den Vorteil, dass er fernab von Europa wütete. Das machte ihn zur idealen Projektionsfläche. «Alles Mögliche» habe man auf das revolutionäre China projizieren können, sagte der deutsche Historiker und ehemalige Maoist Gerd Koenen 2005 in einem Interview. «Wir hatten uns in eine radikale Oppositionsstellung zu dieser Gesellschaft begeben, und dann suchte man sich seine Referenzen.»
In den 1960er Jahren entsteht in westlichen Konsumgesellschaften ein regelrechter Mao-Hype. In Europa besonders in Deutschland und in Italien, in geringerem Mass auch in der Schweiz, wo Studenten an Universitäten riesige Plakate des Diktators aufhängen. Man begeistert sich für die Kulturrevolution, die Mao 1966 unter dem Vorwand lostritt, er müsse die Partei mithilfe von jungen «Roten Garden» von Revisionisten, «Rechtsabweichlern» und Konterrevolutionären reinigen.
Es ist ein blutiges, bürgerkriegsähnliches Massaker, in dem Schüler ihre Lehrer zu Tode prügeln und das weitere 1,1 bis 1,6 Millionen Chinesen das Leben kostet. Im Westen glaubt man laut Koenen dagegen, einem «Aufstand der Jugend gegen die Alten» beizuwohnen. Philosophen und andere Gelehrte sind begeistert, der Schweizer Konrad Farner sieht Mao einen «neuen Menschen» erschaffen, der Amerikaner Noam Chomsky begrüsst die «neue Gesellschaft», die da am Entstehen sei.
Paul Breitner posiert mit Mao
Weil Mao zum Befreiungskampf gegen den Imperialismus aufruft und Nordvietnam mit Waffen und Truppen unterstützt, erscheint China auch als «Champion der Dritten Welt», das seine Bewunderer in «Panorama-Gemälden eines ‹Volkskrieges›» schwelgen lässt (Koenen). Chinas Bruch mit der Sowjetunion, der Mao nach Chruschtschows Abrechnung mit dem Stalinismus Verrat und mangelnden revolutionären Eifer vorwirft, verstärkt diesen Mythos. Maos Reich erscheint als utopische Gesellschaft, die sich sowohl den USA als auch den sklerotischen Bürokraten im Kreml widersetzt.
Dass sich Mao im Gegensatz zu Chruschtschow nie von seinem Vorbild Stalin distanziert und auch nicht auf Methoden wie öffentliche Folter verzichten mag, schmälert seine Beliebtheit in den Zentren des Kapitals kaum. Vielmehr organisieren sich Studenten und Lehrlinge ab Ende der 1960er Jahre in neuen kommunistischen Parteien. Und spielen Mao.
Sie verlangen meist bedingungslosen Gehorsam von ihren Mitgliedern, werfen sich gegenseitig Verrat und konterrevolutionäre Gesinnungen vor, versuchen Arbeiter in Betrieben aufzuwiegeln und berufen Parteitage ein, wo das Fussvolk den Führern minutenlang Applaus spendet. Getreu ihren Vorbildern klatschen sich die Führer dabei auch selber zu. «Onanistischen Applaus» nennt es Gerd Koenen, der die einstige linke Mao-Begeisterung in Büchern wie «Das rote Jahrzehnt» und «Die grossen Gesänge» aufgearbeitet hat.
Die Mao-Faszination erfasst nicht nur die üblichen Verdächtigen und das linke Sektenmilieu, das bei Wahlen in Westeuropa trotz aller Berufung auf die «Volksmassen» kaum je über ein Prozent der Stimmen erhält. Spätestens 1972 avanciert der «Grosse Vorsitzende» zum Pop-Star, als ihn Andy Warhol in bunten Siebdrucken verewigt, wie eine Campbells-Suppendose. Ein Jahr später lässt sich der deutsche Fussballstar Paul Breitner vom FC Bayern in einem Schaukelstuhl fotografieren, in der Hand eine «Peking-Rundschau», hinter ihm ein Plakat mit einem lächelnden Mao, der die Augen zusammenkneift und eine Zahnlücke offenbart.
Eine Provokation, die eigentlich gar keine ist, weil Mao Anfang der 1970er Jahre selbst in sozialdemokratischen und bürgerlichen Kreisen zunehmend Sympathien geniesst. 1972 trifft sich der Arbeiter- und Bauernführer Mao mit den amerikanischen «Imperialisten» Richard Nixon und Henry Kissinger. Die Sowjetunion erklärt Mao offen zum Hauptfeind. Nach der Logik des Kalten Krieges ist er damit schon fast ein Verbündeter.
Helmut Schmidt hofft auf mehr Maoismus
Schweizer Parlamentarier, die 1972 durch China reisen, berichten nach ihrer Rückkehr von einer «armen, aber noch heilen Welt, in der man sich über die wesentlichen Dinge einig ist», wie es die SP-Nationalrätin Lilian Uchtenhagen ausdrückt. Der konservative Publizist Klaus Mehnert sieht schon ein Jahr zuvor nur «treue Ergebenheit zum Vorsitzenden Mao und zu seinen Ideen». Das gebe den Menschen «ein Gefühl der Geborgenheit und des Glücks».

Als der vermeintliche Glücksbringer am 9. September 1976 stirbt, zeigt sich auch die NZZ erstaunlich milde. Unter dem Titel «Der Präzeptor Chinas» zählt sie alle Stationen seines Lebens auf, mit allen «Fehlschlägen» wie dem «Grossen Sprung nach vorn», aber ohne deren Folgen zu benennen. Der deutsche Bundeskanzler Helmut Schmidt (SPD) würdigt den Verstorbenen als grosse Persönlichkeit, die dem Volk den Weg in die Zukunft gewiesen habe. Er hoffe, dass das chinesische Volk und seine Führung im Geiste Maos weiter für den Frieden und den «Fortschritt der Menschheit» arbeiten würden.
Zu jener Zeit ist die chinesische Gesellschaft traumatisiert und erschöpft von Terror und Bürgerkrieg. Familien sind zerrüttet, Bauern verelendet und unzählige Kulturgüter zerstört. Das Ausmass der Verbrechen kann man damals erst erahnen. Zeugenberichte gibt es jedoch schon lange, bloss werden sie von Maos Anhängern bis in die 1970er Jahre als Lügen abgetan.
Simone de Beauvoir und Jean-Paul Sartre haben sich nie wirklich zu ihren Irrtümern bekannt. Sartre solidarisiert sich Ende der 1960er Jahre mit den französischen Maoisten und verteilt ihre Kampfblätter, die später auch das Pol-Pot-Regime in Kambodscha unterstützen. Die Kulturrevolution verteidigt er als legitime Gewalt gegen die herrschende Klasse. Was, so würde man es heute ausdrücken, sind schon ein paar «fucking Exzesse», wenn es um ein grosses Ziel geht?