Der Himmel über Jerusalem
Wie der erfundene jüdische Plan zur Zerstörung der Al-Aksa-Moschee die Gewaltdoktrin der Hamas stützt.
Der Tempelberg in Jerusalem ist der konfliktträchtigste religiöse Ort der Welt. Hier standen die beiden jüdischen Tempel, von hier soll Mohammed in den Himmel aufgestiegen sein. Die Aksa-Moschee dient der Mystifikation des palästinensischen Kampfes gegen Israel.
NZZ, Jan Kapusnak08.01.2026
An vielen Morgen in Jerusalem wirkt das Gelände der Al-Aksa-Moschee weniger wie ein Ort des Gebets denn wie eine Frontlinie. Im Inneren verschanzen sich junge Palästinenser mit Steinen, Feuerwerkskörpern und Kameras und warten auf die israelische Bereitschaftspolizei. Ein kurzer Zusammenstoss – Steine, Blendgranaten, Rauch –, und schon geht durch die sozialen Netzwerke die Schlagzeile: «Al-Aksa wird angegriffen.» Wo al-Aksa als vom Untergang bedroht und der Endkampf gegen die muslimische Welt lanciert scheint, wird Gewalt zur heiligen Pflicht und Terrorismus zur «Verteidigung des Islam». Ein lokales Scharmützel wird zu einem Zivilisationskampf stilisiert, in dem Blutvergiessen geheiligt ist.
Als die Hamas am 7. Oktober 2023 ihren verheerenden Angriff auf Israel startete, nannte sie die Operation «Tufan al-Aksa» – «Al-Aksa-Flut». In westlichen Ohren mag das wie ein Slogan klingen, doch die Botschaft war eindeutig: Das Massaker sei kein Verbrechen, sondern eine «Verteidigungsschlacht» in einem heiligen Krieg um die Moschee. Im Zentrum dieser Erzählung steht die seit Jahrhunderten kursierende Verleumdung, Juden oder Israel planten, die Moschee zu zerstören und an ihrer Stelle einen dritten jüdischen Tempel zu errichten. Das ist üble und leider auch tödliche Propaganda.
Heiliger mythischer Ort
Der Ruf verfängt, weil der Al-Aksa-Komplex auf dem Tempelberg liegt – Har Habayit auf Hebräisch, al-Haram al-Sharif («Edles Heiligtum») auf Arabisch –, dem wohl konfliktträchtigsten religiösen Ort der Welt. Lange bevor sich der Islam in der Gegend breitmachte, war dies die Achse der jüdischen Heilsgeografie: der Ort, wo Abraham beinahe Isaak opferte, wo Salomos Tempel den Babyloniern zum Opfer fiel und wo der zweite Tempel stand, bis ihn die Römer im Jahr 70 n. Chr. zerstörten. In seinem Innersten lag der Grundstein (Even ha-Shetiya), von dem aus die Schöpfung begonnen haben soll. Heute ist davon noch ein Teil der Stützmauer sichtbar: die Westmauer.
Israel behielt Souveränität und Sicherheit, doch die Verwaltung der Al-Aksa-Anlage blieb bei Jordanien.
Der Islam legte seine eigene Geschichte über denselben Stein. Spätere Überlieferungen berichten, Mohammed sei von hier aus in der Nacht der Himmelsreise in den Himmel aufgestiegen. Der Koran bleibt hier jedoch auffallend vage. Er spricht von einer nächtlichen Reise von der «heiligen Moschee» in Mekka zur «fernsten Moschee» (al-Masjid al-Aksa), nennt aber weder Jerusalem noch dessen späteren arabischen Namen al-Kuds und beschreibt weder einen bestimmten Felsen noch ein Gebäude. Einige frühe Traditionen verorteten diese «fernste Moschee» sogar im Himmel.
Erst nach Mohammeds Tod und der arabischen Eroberung Jerusalems – im 7. Jahrhundert unter Kalif Umar ibn al-Khattab dem Byzantinischen Reich abgerungen – wurde der Tempelberg als al-Majid al-Aksa beansprucht und sodann zum drittheiligsten Ort des Islam nach Mekka und Medina erklärt. Unter christlicher Herrschaft war das frühere Tempelareal weitgehend eine Ruinenlandschaft geblieben, stellenweise als Müllkippe genutzt – eine «Theologie aus Stein», die signalisieren sollte, dass der jüdische Tempel endgültig Vergangenheit sei. Auf diesen Trümmern errichteten die Umayyaden ihre eigenen Monumente: 691/692 liess Kalif Abdelmalik den goldenen Felsendom über dem Grundstein bauen, wenige Jahrzehnte später vollendete sein Sohn al-Walid I. die heute silbern bekuppelte Al-Aksa-Moschee. Eine architektonische Machterklärung dazu, wer nun den Hügel beherrschte.
Im Lauf der Jahrhunderte begannen muslimische Autoritäten, den gesamten Hügel – einschliesslich der Klagemauer – als ausschliesslich islamisch zu betrachten; jüdisches Gebet galt als Entweihung. Erst unter den Osmanen (1517–1918) wurden jüdische Gebetsrechte an der Mauer anerkannt. Anfang des 20. Jahrhunderts waren die Heiligtümer sichtbar vernachlässigt. In den 1920er Jahren sammelte der Grossmufti von Jerusalem, Haj Amin al-Husseini, Spenden zur Renovierung des Areals und machte al-Aksa zu einem Symbol des panarabischen, später des palästinensischen Nationalismus gegen den zionistischen Städtebau in Jerusalem.
Es war auch der mit den Nazis paktierende al-Husseini, der das Narrativ lancierte: «Al-Aksa ist in Gefahr» – Code für einen angeblichen zionistischen Plan, die Moschee zu zerstören. Der Slogan wanderte rasch in das ideologische Repertoire des Islamismus und wurde später von der Hamas bewirtschaftet und perfektioniert.
Bemerkenswerte Selbstbeschränkung
1948, nach der Annexion der Altstadt durch Jordanien, wurden Juden vertrieben und von der Klagemauer ausgeschlossen, Synagogen im jüdischen Viertel gesprengt und der Friedhof am Ölberg geschändet. Als Israel im Sechstagekrieg 1967 die Altstadt eroberte, hätte es mit dem Recht des Siegers die volle Kontrolle über den Hügel beanspruchen können. Stattdessen liess der Verteidigungsminister Moshe Dajan die israelische Fahne vom Felsendom holen und schmiedete einen «Status quo»: Israel behielt Souveränität und Sicherheit, doch die Verwaltung der Al-Aksa-Anlage blieb beim jordanisch gestützten islamischen Wakf.
Muslime konnten weiterhin frei auf dem Plateau beten; Juden und andere Nichtmuslime durften den Ort nur zu bestimmten Zeiten besuchen, öffentliche Gebete waren untersagt, während der Platz an der Klagemauer darunter für jüdisches Gebet bestimmt war. Es war ein Akt bemerkenswerter Selbstbeschränkung: eine nichtmuslimische Macht, die muslimischen Zugang zu al-Aksa garantiert. Genützt hat es wenig – seither stellen viele muslimische Akteure selbst simple jüdische Besuche als «Stürmung» der Moschee dar.
Die modernen grossen Zusammenstösse auf dem Tempelberg fallen mit dem Aufstieg der Hamas zusammen. Die 1987 gegründete radikalislamische Bewegung verpflichtet sich in ihrer Charta, die «Aksa-Moschee zu verteidigen». Ihre erste grosse Kampfprobe suchte sie am 8. Oktober 1990: Obwohl die israelische Polizei den Marsch einer kleinen extremistischen jüdischen Gruppe für den Wiederaufbau des Tempels mit einem symbolischen Grundstein verboten hatte, half das der Hamas, Tausende zum «Schutz» der Moschee zu mobilisieren. Steine prasselten auf Juden an der Klagemauer nieder, ein Polizeiposten auf dem Plateau wurde gestürmt. Polizisten, die sich in Lebensgefahr sahen, schossen, siebzehn Palästinenser starben. Die Hamas schrieb das Ereignis als «Al-Aksa-Massaker» in ihre Mythologie ein.
Eine der folgenreichsten Eruptionen al-Aksa-inspirierter Gewalt war die zweite Intifada, ein fünfjähriger Terrorkrieg gegen israelische Zivilisten, der als «Al-Aksa-Intifada» verkauft wurde. Öffentlich wurde sie Ariel Sharons kurzem Besuch auf dem Tempelberg im Jahr 2000 angelastet, doch die Gewalt war vorbereitet; der Besuch lieferte nur den Vorwand nach Wochen von Arafat- und Hamas-Parolen wie «Nach al-Aksa marschieren wir – Märtyrer zu Millionen». Palästinensische Selbstmordattentäter beriefen sich in Abschiedsvideos auf die Moschee und sprengten sich in ihrem Namen in die Luft.
Mitte der 2010er Jahre lebte der Mythos durch eine neue Welle der Gewalt auf. Die Hamas fand einen Verbündeten in Scheich Raed Salah, dem selbsternannten «Scheich al-Aksa», dessen nördlicher Zweig der Islamischen Bewegung auf Dauermobilisierung setzte: Es gab Massenkundgebungen unter dem Motto «Al-Aksa ist in Gefahr», organisierte Fahrten nach Jerusalem und Schikanetrupps, die jüdische Besucher bedrängten und Bildmaterial für Propaganda lieferten. Dieses Umfeld bereitete den Boden für die «Messer-Intifada» 2014 bis 2017, als vor allem palästinensische Jugendliche Terroranschläge als «Martyrium für al-Aksa» verübten. Israel verbot die Bewegung schliesslich wegen systematischer Volksverhetzung.
Ende der 2010er Jahre glitt die tatsächliche Autorität auf dem Plateau zunehmend vom jordanischen Wakf zu losen «Verteidiger-Netzwerken» junger Ostjerusalemer, die offen im Namen der Hamas agierten. Ihren ersten Erfolg verbuchten sie 2017: Nach einem Terroranschlag auf israelische Polizisten auf dem Berg und der Installation von Metalldetektoren durch Israel erzwangen Unruhen und Massenproteste deren Entfernung und vertrieben den von der Palästinensischen Autonomiebehörde eingesetzten Mufti unter Sprechchören zu Ehren des Hamas-Kommandanten Mohammed Deif.
Nachsicht mit Folgen
Anfang der 2020er Jahre war der Spruch «Al-Aksa ist in Gefahr» zum festen Ramadan-Ritual geworden: mit Jugendlichen, die sich mit Steinen in der Moschee verbarrikadieren, mit Provokationen der Polizei, Raketen aus Gaza «für al-Aksa» sowie Hamas-Fahnen über dem Gelände. Im Ramadan 2021 trugen die Unruhen auf dem Berg dazu bei, dass ein elftägiger Krieg ausbrach, als die Hamas ihren Raketenbeschuss «Schwert Jerusalems» startete und Israel darauf mit der Operation «Wächter der Mauern» reagierte. Der Hamas gelang es, den Konflikt als Religionskrieg zu rahmen.
Gleichzeitig veränderte sich die jüdische Präsenz auf dem Plateau. Seit 2015 steigen zunehmend Juden aus dem nationalreligiösen Lager auf den Tempelberg, nicht als Touristen, sondern als Beter. Unter politischem Druck duldet die Polizei stilles jüdisches Gebet in bestimmten Ecken, obwohl das Oberrabbinat dies weiterhin ablehnt. Die Hamas deutet jeden jüdischen Besuch – insbesondere Besuche rechter Politiker – als staatliche Strategie zur Zerstörung der Moschee.
Zwei Wochen vor dem Massaker vom 7. Oktober 2023 rief die Hamas zu einer eskalierten «Auseinandersetzung um al-Aksa» auf; «Al-Aksa-Flut» wurde als Erfüllung dieses Aufrufs präsentiert. Die Botschaft an Millionen war brutal einfach: Der Weg nach Jerusalem ist mit jüdischem Blut gepflastert. Es war dies kein Ausrutscher, sondern hatte System. Der Westen hat das Narrativ von der von Zerstörung bedrohten Al-Aksa-Moschee lange als blosse Rhetorik abgetan – doch blieb diese Nachsicht nicht ohne Folgen: Die Zahl der Israeli und der Palästinenser, die aufgrund der Folgen dieser Verleumdung ihr Leben liessen, ist Legion. Und es wird weiterhin Opfer geben, solange die Entwaffnung der Hamas Wunschdenken bleibt.
Jan Kapusnak lebt als freier Autor in Tel Aviv und schreibt über den Nahen Osten, Israel sowie geopolitische Themen.