«Die Leute revoltieren gegen die Logik der verwalteten Welt»

Je grösser die Bevormundung durch den Staat, desto grösser der Widerstand der Bürger: Germanist und Stanford-Professor Russell Berman ist überzeugt, dass in den USA der Aufstand gegen das normierte politische Denken und Handeln begonnen hat. Angeführt werde er vom US-Präsidenten. Donald Trump als Reformer – wirklich?
NZZ, René Scheu, Stanford 21.5.2019, 05:30 Uhr

Ist der Präsident der Vereinigten Staaten als Reformer angetreten? Russell Berman zeichnet ein ungewöhnliches Bild von Donald Trump.

(Bild: Carlos Barria / Reuters)

Herr Berman, Sie sind ein überzeugter Anhänger des neokonservativen amerikanischen Präsidenten Donald Trump. Zugleich sind Sie ein Kenner des neomarxistischen Philosophen Theodor W. Adorno. Wie passt das zusammen?
Adorno hat uns heute viel zu sagen. Niemand hat die Vergesellschaftung aller Lebensbereiche besser beschrieben als er – und diese Tendenz hat nach dem Tod des Philosophen im Jahre 1969 nur noch zugenommen. Wir leben heute im Westen in stark konformistischen Gesellschaften, auch in den USA, ohne dass wir sie als solche verstehen oder beschreiben. Donald Trump wiederum hat sich auf die Fahne geschrieben, diese Vergesellschaftung zu stoppen, ja sogar rückgängig zu machen. Deswegen würde ich ihn keinesfalls als konservativ und erst recht nicht als neokonservativ bezeichnen – da liegen Sie falsch, er ist das genaue Gegenteil: Er will den Status quo des Politbetriebs ändern. Präsident Trump ist ein Reformer. Und seine Version des Reform-Republikanismus ist nur als frontale Absage an den Neokonservatismus zu verstehen.
Bleiben wir zunächst beim Analytischen. Was genau meinen Sie mit Vergesellschaftung?
Ich meine damit die Kollektivierung bzw. Monopolisierung der Wirtschaft, die Verrechtlichung des alltäglichen Lebens und die Politisierung des Privaten, kurzum: das Schrumpfen nichtverwalteter Lebenszonen. Erstmals seit langem macht sich eine heftige Reaktion der Bürger gegen diese verwaltete Welt bemerkbar. Was wir hier in den USA erleben, kennen Sie auch in Europa, denken Sie nur an die «gilets jaunes» in Frankreich oder die Populisten in Italien. Gegen die Erwartungen des normierten Denkens würde ich nun eben zugespitzt sagen: Theodor Adorno, dieser Linke, ist der eigentliche Vordenker der «gilets jaunes». Zwar war er selbst gegenüber den aktionistischen Tendenzen der Studentenbewegung höchst reserviert, doch hilft er uns diese Protestbewegung zu verstehen – als Aufschrei gegen Zentralismus, Bevormundung und ENA-Elitismus.
Paris 1968, Paris 2019, wirklich?
Durchaus. Die Leute revoltieren gegen die Logik der verwalteten Welt, die jedes Problem mit noch mehr Verwaltung zu lösen verspricht. Selbstverschuldete Unmündigkeit? Nein, danke. Ein grosser Unterschied liegt aber in der gesellschaftlichen Zusammensetzung: Damals war es eine Studentenbewegung, also am Ende doch eine elitäre Veranstaltung. Heute geht es um dezidierten Antielitismus.
Das stimmt wohl. Doch finden sich unter den Anhängern der «gilets jaunes» auch Etatisten, die den Staat als grossen Problemlöser sehen. Worauf hätte Adorno denn wohl dessen Tendenz zu Bevormundung zurückgeführt?
Es ist die immanente Tendenz des modernen Staates seit dem 19. Jahrhundert, sich immer weiter auszudehnen, sofern ihm von Bürgerseite kein Widerstand erwächst. Die Bürokraten in staatlicher Besoldung streben naturgemäss nach mehr Macht, und ein Teil der meinungsführenden politischen Eliten ruft reflexhaft nach mehr Staat, wenn es darum geht, Probleme des gesellschaftlichen Lebens zu bewältigen. Wo ein Angebot ist, da entsteht auch ein Bedürfnis – das ist eine Logik der Bevormundung, die moderne Staaten perfektionieren wollen. Endstation: chinesischer Überwachungsstaat. Adorno wusste um diese Tendenz, und wir brauchen uns auch heute darüber nicht zu wundern. Erstaunlich ist vielmehr, dass nun eben Leute den Mut finden, aufzustehen und Freiheitsräume zurückzuerobern.
Wenn Ihre Beobachtung stimmt, dann stellt sich dennoch die Frage: Warum begehren die Bürger vieler westlicher Staaten gerade jetzt auf?
Ich sehe mindestens drei Gründe. Es gibt eine grosse geopolitische Veränderung, deren Tragweite wir erst langsam begreifen: Der Kalte Krieg wirkte auf die westlichen Gesellschaften disziplinierend, und mittlerweile dürfte allen klar sein, dass es diese Klammer nicht mehr gibt – der Westen selbst beginnt sich intern zu differenzieren. Zweitens: Viele Leute spüren einen Kontrollverlust, die nationale Souveränität wird durch die Globalisierung und die Davos-Maschine unterminiert. Hinzu kommt eine Erstarkung Asiens – denn es sind ja gerade die einstigen Entwicklungsländer, die von der Globalisierung am meisten profitiert haben. Das äussert sich in westlichen Gesellschaften ganz konkret in Abstiegsängsten, was Wohlstand und Jobs angeht, in Verlustängsten, was die eigene kulturelle Identität angeht, und in einer neuen Perspektivenlosigkeit, was die Zukunft unseres Lebens angeht.
Und welches wäre der dritte Grund?
Die technologische Revolution. Es gibt einen neuen, tiefgehenden Strukturwandel der Öffentlichkeit: Jeder hat Zugang zum Netz, die öffentliche Meinung wird nicht mehr von Gatekeepern wie der «New York Times» und der «Neuen Zürcher Zeitung» bestimmt. In den 1990er Jahren hiess es, das Internet führe zu einer horizontalen Demokratisierung. Das stimmt auch, nur hat diese Demokratisierung radikalere Resultate gezeitigt, als deren Befürworter einst ahnten: Es gibt kein klar definiertes Oben und Unten mehr, wenigstens in den noch nicht verwalteten Teilen des Netzes. Unzufriedene finden in den sozialen Netzwerken sofort Gleichgesinnte. Sie verbünden sich und bringen etablierte Hierarchien ins Wanken, in den Parlamenten, in den Parteien, in der Regierung, in Unternehmen. Auch die #MeToo-Bewegung ist in diesem Kontext zu sehen.
Halt – wie meinen Sie das?
Natürlich marschieren da viele Linke und Feministinnen mit, die sich eine wirre Form von Identitätspolitik auf die Fahnen geschrieben haben. Aber sie täuschen sich über die Beschaffenheit des Phänomens. Denn eigentlich geht es den Bewegten ja nicht um mehr Rechte, sondern um die Anprangerung von Privilegien der Männer. Die #MeToo-Bewegung ist nicht eine im traditionellen Sinne progressive, sondern eine urpopulistische Basis-Bewegung, sozusagen das Pendent zu Donald Trumps Kritik der Privilegien der amerikanischen Eliten. Im Feld des #MeToo-Diskurses geht es nicht darum, Rechte einzufordern, sondern darum, eine privilegierte Elite zu stürzen.
Es war eine Revolte gegen die Deutungsmacht der kosmopolitischen Elite, die 2016 Donald Trump den Einzug ins Weisse Haus ermöglichte. Allerdings wurde diese nicht von Frauen angeführt, sondern von älteren etablierten Männern. Trump selbst jedoch kommt aus einer reichen Familie und verkehrte in der High Society von New York – ist also Teil des Establishments. Wie erklären Sie diesen Widerspruch?
Sie täuschen sich über die Zusammensetzung seiner Wählerschaft. Aber vor allem: Trump war und ist kein Teil des politischen Establishments – und das machte den Unterschied. Schauen Sie: Als 2016 die beiden grossen Parteien ihre Präsidentschaftskandidaten kürten, verfuhren sie maximal unterschiedlich. In beiden Parteien spielte sich ein Aufstand gegen die Politmaschine ab, aber mit verschiedenen Resultaten. Bei den Demokraten wurde die Sanders-Revolte gegen das Partei-Establishment niedergeschlagen, damit Hillary Clinton gekrönt werden konnte. In der Partei der Republikaner hingegen gelang die interne Revolte mit Trump – deshalb haben die Republikaner am Ende die Wahl ums Präsidentenamt gewonnen, und deshalb hat die Partei der Gegenrevolution, also die demokratische Partei, verloren.
Eine sehr gewagte These. Sie würden also sagen, der geschäftlich erfolgreiche und abgesicherte Donald Trump sei ein Revoluzzer?
Ich bitte Sie: Friedrich Engels arbeitete in der Fabrik seines Vaters, Vladimir Lenin entstammte einer monarchistischen Familie, und Gerhard Schröder ist Vorstandsvorsitzender bei Rosneft. Wir sollen nicht so tun, als ob Widersprüche nicht vorkommen. Aber im Ernst, für das Politestablishment rechts und links, oder mit Ernst Jandl, «lechts und rinks», wirkt Präsident Trump revolutionär. Er will die Politik neu gründen. Schauen Sie sich doch seine Inauguralrede an, die Republikaner ebenso wie Demokraten verunsicherte, denn er hat ein Gespür für Schwächen von Leuten und von Dogmen, die einfach nicht mehr tragbar sind. Ihm ist klar, dass der herrschende Diskurs, die pensée unique, mit seinen mantrahaft wiederholten Formeln nichts anderes als ein Bluff ist.
Konkreter, bitte.
«Von der Globalisierung profitieren alle.» Oder: «Die Erde ist ein grosses Dorf, wir alle sind im Herzen Kosmopoliten.» Oder: «Die Geschichte kommt an ihr Ende, und dank weltweitem Handel wird ewiger Friede herrschen.» Oder: «Wir schaffen es.» Solche Sätze haben wir in den USA nun über 30 Jahre lang gehört – Präsident Trump ist angetreten, sie zu falsifizieren und die Herrschaft jener zu brechen, die sie herbeten. Er brachte eine neue Kreativität in den versteinerten politischen Diskurs. Er entlarvte Neoliberalismus und gleichermassen Neokonservatismus als potemkinsche Dörfer.
Man kann es auch anders sehen: Trump hat mit vielen politischen Gepflogenheiten gebrochen, er hat sich mit Leuten umgeben, die mittlerweile im Gefängnis sitzen – und seine Tweets wirken oftmals ziemlich widersprüchlich. Hand aufs Herz: Was hat er denn jenseits der Steuersenkung für Unternehmen wirklich verändert?
Hier eine Kostprobe: Die Arbeitslosigkeit steht auf einer Rekordtiefe, die Reallöhne für Arbeitnehmer steigen wieder, er hat das Strafgesetz wesentlich verbessert, er hat das groteske Abkommen mit der iranischen Diktatur fallenlassen, er hat die Handelsvergehen Chinas angeprangert und die politische Meinung in diesem Punkt im Besonderen unwiederbringlich verändert. Und darüber hinaus bewirkte er eine kulturelle Transformation: Es wird wieder offen debattiert, gestritten, um Lösungen gerungen, in den USA, aber auch anderswo.
Was sagen Sie denn zur Ansicht, dass Donald Trump die gesellschaftlichen Gräben vertieft und den politischen Diskurs vergiftet habe?
Er hat der Political Correctness den Kampf angesagt und setzt sich dezidiert für Redefreiheit an den amerikanischen Universitäten ein. Er fördert das positive Selbstbild der Nation und entzieht sich dem westlichen Spiel der ewigen Selbstbezichtigung. Politischen Realismus schätzt er höher als einen unehrlichen Idealismus, der nicht tragfähig ist: Warum sollen die USA die Nato grosszügig alimentieren, derweil die europäischen Partner sich finanziell zurückhalten? Diese Forderung aus Washington ist nicht neu, sogar Obama wollte Ähnliches erreichen. Der Unterschied: Trump hat in diesem Punkt Erfolg gehabt, dank seiner effektiveren Rhetorik, und in vielen Nato-Mitglied-Staaten steigen die Verteidigungsausgaben. Dasselbe gilt für den internationalen Handel: Abkommen sollen für beide Seiten vorteilhaft sein – oder gar nicht erst zustande kommen. Und Präsident Trump nimmt China ernst, weil er weiss, worum es geht: um die technologische Vorherrschaft im 21. Jahrhundert.
Die Lage an amerikanischen Universitäten ist angespannt. Der Psychologe Jonathan Haidt spricht von Konfliktzonen und einer grossen Intoleranz. Wie erleben Sie die politische Auseinandersetzung auf dem Campus?
Ich kann mich nicht beklagen, was meine Person angeht. Allerdings hänge ich meine politische Haltung auch nicht an die grosse Glocke, wobei ich sie auch nicht verstecke. Was mir auffällt, ist Folgendes: Wenn die Professoren ihre Meinung zum politischen Geschehen äussern und Stimmen aus dem ausseruniversitären Publikum widersprechen, sei es in Fragen der Identitätspolitik, grüner Reformen oder anderen Themen, dann reagieren viele meiner Kollegen gekränkt. Sie unterstellen den Leuten Antiintellektualismus, Ressentiments und Wut. Dabei sollten kritische Rückfragen aus der Zivilgesellschaft doch höchst erwünscht sein – das Publikum will überzeugt und nicht mehr einfach von den Herren und Frauen Professoren belehrt werden. Amt und Titel sollen nicht vor Kritik schützen – das sollte eigentlich in einer aufgeklärten Gesellschaft selbstverständlich sein.
Christopher Lasch, der grosse amerikanische Historiker, sprach einst von einer «Revolte der Eliten» und meinte damit: die Verachtung der «neuen Aristokratie der Gehirne» gegenüber den weniger gebildeten Mitbürgern.
Ich will kein Elitenbashing betreiben, denn ich zähle ja selbst zur Bildungselite. Doch scheint es mir wichtig, zu sagen: Gerade Akademiker sollten besser mit abweichenden Meinungen umgehen können, in der Praxis reagieren sie zu oft mit Irritation und Verdrängung. Noch einmal: Solche Kritik zu äussern, ist nicht Antiintellektualismus, sondern höchst legitim. Und vor allem: Wenn sich immer alle einig sind, ist dies der Tod des intellektuellen Lebens. Niemand weiss dies besser als Präsident Trump – er ist zwar kein Universitätsakademiker, aber er musste sich in den letzten zweieinhalb Jahren eine Unmenge an Kritik gefallen lassen. Die ganze Kulturindustrie – da ist Adorno noch einmal – hat gegen ihn aufbegehrt.
Er tut sich ziemlich schwer mit Kritik, wie seine ständigen, auch gehässigen Gegenangriffe auf Twitter beweisen.
Come on, wer viel einstecken muss, darf auch austeilen können. Das Problem ist eher gesamtgesellschaftlich aufzufassen: Der Diskurs in den sozialen Netzwerken hat einen neuen Ton angenommen. Es ist nicht überall NZZ.
Sie verteidigen Donald Trump durchs Band.
Ich gebe es gerne zu: Ich halte ihn für einen bisher erfolgreichen Präsidenten, der das Land zum Guten verändert und der Probleme angeschnitten hat, die die politische Klasse einfach verdrängen wollte.
Sie sehen die USA nicht in Gefahr wie so viele Zeitdiagnostiker?
Wenn der amerikanischen Demokratie Gefahr droht, dann bestimmt nicht vom Weissen Haus, sondern eher vom Kongress. Die Demokraten, die in der grossen Kammer die Mehrheit haben, wollen Präsident Trump um jeden Preis den Prozess machen – dafür strapazieren sie auch die Verfassung. Sie haben bis heute nicht verwunden, dass Donald Trump zwar knapp, aber völlig rechtmässig zum 45. Präsidenten der Vereinigten Staaten gewählt wurde. Seit zweieinhalb Jahren versuchen sie die Schuld dafür dem Nächstbesten in die Schuhe zu schieben, der Technik, Russland, der Dummheit der Menschen. Frei nach Brecht: Weil sie die Wahl verloren haben, wollen sie eigentlich ein neues Volk wählen.
Russell Berman, geboren 1950, ist Professor für Germanistik und vergleichende Literaturwissenschaften an der Stanford University und Senior Fellow an der Hoover Institution. Nach Verfertigung dieses Interviews übernahm er eine Position als Seniorberater im Planungsstab des amerikanischen Aussenministeriums.
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