HAUPTSACHE, GESUND
Säuerliche Irrtümer
Von Lena Stallmach
NZZ, 2. August 2019

Es gibt gutgemeinte Ratschläge, die so grotesk sind, dass sie mir die Sprache verschlagen. Einer dieser Tipps ist etwa, Zitronen zu essen, wenn man Sodbrennen hat.Als ich dies das erste Mal hörte, musste ich lachen, das zweite Mal fragte ich nach,das dritte Mal wurde ich wütend. Die wohlmeinenden Mitmenschen berufen sich dabei auf eine Liste, die salopp als «Säure-Base»-Tabelle bezeichnet wird. Darin werden sämtliche Gemüse und Früchte, aber auch Wein und Kaffee als basisch bezeichnet.

Übrigens ist Kaffee mit einem pHWert zwischen 4,5 und 5 nur wenig sauer im Vergleich zur Magensäure mit einem pH-Wert von 1 bis 1,5. Dass viele Menschen mit einem säureempfindlichen Magen Mühe mit Kaffee haben, liegt nicht an der Säure, sondern an anderen Bestandteilen des Kaffees, die im Magen die Säureproduktion anregen.

Aber zurück zur sogenannten «Säure-Base»-Tabelle. Das Problem ist, dass sie nicht den Säuregehalt der Nahrungsmittel angibt,sondern es ist ein konstruierter Wert, der sich auf die Bestandteile bezieht, in die eine Speise durch die Verdauung und den Stoffwechsel zerlegt wird. So sind Zitronen aufgrund ihrer vielen Fruchtsäuren und des Vitamins C, der Ascorbinsäure, ganz klar sauer. Im Körper werden die Fruchtsäuren aber schnell abgebaut. Danach überwiegen basische Stoffe, wie etwa die Mineralstoffe Kalium und Magnesium. Bleiben nach der Verdauung und dem Abbau eines Lebensmittels mehr basische als saure Produkte übrig, werden sie als basisch eingestuft. Auf der anderen Seite stehen dagegen eiweisshaltige Lebensmittel wie Fisch, Ei und Fleisch, bei deren Abbau viel Schwefelsäure entsteht. Die fälschlicherweise als «Säure-Base»-Tabelle bezeichnete Liste ist als Informationsquelle für Menschen mit einem säureempfindlichen Magen also ungeeignet.

Die basische Ernährung ist das Produkt einer Theorie der Alternativmedizin. Demnach schadet die moderne westliche Ernährung der Gesundheit, weil sie zu einer Übersäuerung führt. Längerfristig soll eine chronische Übersäuerung die Entstehung einer Reihe von Krankheiten begünstigen wie etwa Arthrose, Allergien, Osteoporose, Muskelschmerzen, chronischer Müdigkeit, Schlafstörungen und auch Krebs. Um den Säure-Basen-Haushalt im Gleichgewicht zu halten, wird eine basische Ernährung empfohlen. Darüber hinaus bieten verschiedene Hersteller teure Basenpulver als Nahrungsergänzung an. Doch bei einer einigermassen gesunden Ernährung sind diese Pulver reine Geldverschwendung.

Die Säure-Base-Theorie steht zudem auf wackligen Beinen. Denn der Körper verfügt selbst über ein effizientes System, das den Säure-Basen-Haushalt im Körper im Gleichgewicht hält: die Nieren. Zwar gibt es den Fall einer klinischen Übersäuerung (Azidose), doch dies hat nichts mit der Ernährung zu tun, sondern ist meist die Folge einer Stoffwechselstörung oder von Atemproblemen. Darüber hinaus gibt es keine überzeugenden Studien, die zeigen, dass eine basische Ernährung über längere Zeit, im Vergleich zu einer normal gesunden Ernährung, besser für die Gesundheit ist. Der Nutzen der Tabelle ist also fragwürdig. Dafür profiliert sie sich als besonders ergiebige Quelle für schlechte Ratschläge an Menschen mit säureempfindlichem Magen.