NZZ, 2.6.2019, HAUS UND GARTEN

Pfingstrosen in voller Blüte.pd
Im Mai und im Juni ist die Bühne im Garten frei für den Auftritt der Pfingstrosen. Gemessen an der Schönheit und dem Variantenreichtum ihrer Blüten, sind sie eine Art Rosen ohne Dornen im Pflanzenreich. Wie die Rosen haben die Pfingstrosen oder Päonien eine weit zurückreichende Kulturgeschichte und werden in China beispielsweise seit über viertausend Jahren kultiviert. Als Medizinalpflanze wurden die Päonien auch in Europa ab der Antike sehr geschätzt.
Im Frühmittelalter fand man sie in den Klostergärten, von wo sie in unsere Bauerngärten gelangten.

Zunehmende Beliebtheit

Neben den weitverbreiteten staudigen Pfingstrosen, die jedes Jahr aus der fleischigen Wurzel neu austreiben und auch bei uns, etwa am Monte Generoso, wild vorkommen, sind es besonders die in Ostasien beheimateten strauchförmigen Pfingstrosen, die mit ihrem eleganten Habitus und den schalenförmigen Blüten bezaubern und als Gartenpflanzen immer beliebter werden. Ihre Farbpalette reicht von Reinweiss über Blass- und Lachsrosa bis zu Kirschrot und einem tiefen Dunkelrot. Auch Orange und alle Schattierungen von Gelb kommen vor.
Durch einen auffallend dunklen Basalfleck auf den zarten Blütenblättern wird die Farbwirkung nicht selten noch gesteigert. In der Fachliteratur wird zwischen Lotos- (halb gefüllt), Chrysanthemen- (zu drei Vierteln gefüllt) und Anemonenform (ganz gefüllt) unterschieden, wobei die einfachen Blüten der Wildformen nicht selten die schönsten sind.
Die strauchförmigen und auch viele der staudig wachsenden Pfingstrosen stammen aus den Gebirgen Chinas und Japans, sind also extreme Temperaturunterschiede gewohnt und passen deshalb gut in unsere Gärten. 1926 entdeckte der amerikanische Pflanzensammler Joseph Francis Charles Rock (1884–1962) die später nach ihm benannte Paeonia rockii im Garten eines Lamaklosters in der chinesischen Provinz Gansu.
Wegen der perfekten Form ihrer weissen, leicht gewellten Blütenblätter und des dunkelroten Basalflecks auf den Kronblättern erlangte sie einige Berühmtheit und wurde zum begehrten Sammelobjekt. Einige Exemplare davon, auch in ihrer magenta bis dunkelrot blühenden Form, wachsen in meinem Garten und bilden einen der ersten Höhepunkte im Gartenjahr. Dass die einzelnen Blüten nur an wenigen Tagen geöffnet sind, nehme ich gerne in Kauf, entwickeln sich doch die Sträucher von Jahr zu Jahr üppiger und bilden mehr und mehr Blüten.

Bitte nicht stören!

Pfingstrosen sollten möglichst nicht gestört werden und nur im Frühling mit einem Langzeitdünger, der einen geringen Stickstoff-, dafür einen höheren Kaliumanteil enthält, versorgt werden. Kompost ist ungünstig, da er mit Bakterien und Pilzen durchsetzt ist. Strauchpfingstrosen pflanzt man tiefgründig, staudige eher flach, da sie sonst nicht gut blühen. Richtig gepflanzt und gepflegt machen Pfingstrosen kaum Probleme und können sehr alt werden. Im Garten meines Elternhauses steht ein prächtiges Exemplar, das über hundertfünfzig Jahre alt ist und Jahr für Jahr üppig blüht!
Neben den Züchtungen von Päonien chinesischer und japanischer Herkunft sind die amerikanischen Strauchpfingstrosen zu empfehlen. Vor allem die changierenden Farbtöne – neben Rot und Weiss auch alle Varianten von Gelb und Crème – zeichnen die amerikanischen Hybriden aus. Zu meinen Favoriten gehören die Päonienvarietäten von Arthur Percy Saunders (1869–1953). Dieser wählte starktriebige japanische Kulturformen mit einfachen oder halb gefüllten Blüten, die er mit der gelben Wildform Paeonia lutea kreuzte.

Neue Kulturform: Itoh-Hybriden

Die Saunders-Hybriden haben ein feines Blattwerk, sind gesund und zeigen ein reiches Farbenspiel ihrer Blüten. Eine neuere Kulturform sind die Itoh-Hybriden, nach dem Japaner Toichi Itoh benannt, welche die schalenförmigen Blüten der Strauchpäonien mit der gedrungenen Wuchsform der staudigen Päonien vereinen und im Frühling neu austreiben.
Suzanne Kappeler
Im 1997 eröffneten Päoniengarten auf dem Gelände der Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften hoch über Wädenswil wachsen über dreihundert Arten und Sorten, vierzig davon sind Wildarten. Bus Nr. 126 oder 123 bis Campus Grüental. www.zhaw.ch/gaerten